»Wer das glänzende Blech auf der Bühne versammelt sieht, denkt ehrfürchtig, das ist wirklich Heavy Metal. Und wer nur ahnt, wie schwer es ist, Schweres leicht klingen zu lassen, höre sich zu weiterer Bestätigung Michael Jacksons “Bad" oder – von der “Münchner Freiheit" – “So lange man Träume noch leben kann" in den Versionen der Blassportgruppe an. Das muss man erst einmal so genial hinkriegen.«

»Sie haben den Kopf voller Flausen, die Virtuosenplakette um den Hals, die Musikalität im Herzen. Verballhornung ist ihr System – Vorsicht Satire!«

  »Die Blassportgruppe ist einzigartig und wenig konventionell – so etwas erlebt der Zuschauer nur sehr selten. Was hier passiert, ist hohe Kunst abseits der spröden Medienlandschaft.«

»Spaß zu haben ist zusammen mit der Blassportgruppe kein Problem. Die Brassband zeigte, dass es auch Blasmusik gibt, die das Hirn nicht beleidigt und trotzdem unglaublich groovt.«

»Wer sich, was Bläser angeht, mit weniger zufrieden gibt als dem, was die Blassportgruppe zu bieten hat, ist selbst schuld.«
 



Die Blassportgruppe
in der Coupé



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  Sonic Titelstory und Interview:
"Blassportgruppe - Steilvorlage für sieben Bläser"

Kunst dürfe alles - nur nicht langweilen, zitiert Tenorsaxofonist Axel Müller frei nach Bert Brecht, wenn man ihn nach der Motivation seiner Band Blassportgruppe fragt. Und recht so, langweilig ist an der Blassportgruppe so ziemlich gar nichts - angefangen beim Cover der aktuellen CD „Steil“, das ein aus vollen Schallbechern dampfendes Auto zeigt, das offensichtlich anstelle eines Motors durch diverse Blechblasinstrumente angetrieben wird. Auch die Band selbst zeigt sich humorig gestylt in gelb-grünen Fußballtrikots.

Wer aber aufgrund der stilistischen Selbsteinordnung "Blasmusik" zurückschreckt, sei belehrt: Bei den Musikern der Blassportgruppe handelt es sich allesamt um studierte Jazzmusiker, die ihre - zugegeben recht offenherzig betexteten Stücke mit ausgeklügelten Blecharrangements garnieren. So wird "Steil" zu einem Werk, an dem auch Wiesn und Blasmusikverächter einigen Gefallen finden können. Zumal langweilig ist es, wie gesagt, wirklich nicht.

Sonic: Man muss ja bei euch vorsichtig sein, es wimmelt nur so vor möglichen Doppeldeutigkeiten in euren Texten ... Ist es beispielsweise Absicht, dass "Steil", der Name des Albums, natürlich genauso wie "Style" ausgesprochen wird? Im Klartext, wie kam der CD-Titel zustande?

A. Müller: Richtig, die Idee zu "Steil" kam von "Style". Die Musik auf der aktuellen CD hat sich im Vergleich zu den alten Releases stilistisch verändert - also, unser Style ist "steiler" geworden. Während und nach unseren Shows gehen wir außerdem gerne "steil". Der Name ist somit Programm. (lacht)

Sonic: Wie habt ihr gewusst, dass "Blasmusik mit deutschen Texten" beim Publikum ankommen könnte?

A. Müller: Wir haben da, ehrlich gesagt, kaum drüber nachgedacht. Zu Anfangszeiten der Blassportgruppe - als wir auch sehr viel als Walking Act und seltener auf großen Bühnen gespielt haben  - hatten wir ja auch sehr viele englische Coversongs im Programm. Auch heute spielen wir live noch ab und zu ein paar dieser Nummern. Die eigenen Songs hingegen wurden in deutscher Sprache geschrieben, ebenso wie wir uns etwas bei Rio Reiser, Hildegard Knef und beispielsweise der Münchner Freiheit bedient haben. Unser Sound ist eher amerikanisch inspiriert, so dass die Mischung mit den deutschen Texten in unseren Ohren zum Konzept passt. Denn wir kommen ja auch aus Deutschland.

Sonic: Gilt bei euch also "Tellerrand war gestern, wir ziehen unser Ding durch" - oder seht ihr euch sehr wohl um bezüglich Inspiration? Beispielsweise bei Marching Bands wie der Mardi Gras BB?

A. Müller: Selbstverständlich kennen wir viele andere Brassbands - Youngblood BB, Dirty Dozen BB, Mnozil Brass... Und auch Mardi Gras BB, bei der einige von uns ja auch früher immer mal wieder mitgespielt haben. Wir schätzen all diese Kollegen sehr, haben uns aber tatsächlich eher weniger davon inspirieren lassen, als dass wir eigene Wege für die Blassportgruppe gesucht haben.

Sonic: Ihr klingt ja letztlich wie eine Mischung aus Funk à la carte und Pop-/Rock à la "Tote Hosen". Ist so ein Musikkonzept ein bisschen so wie Marathonlauf, während man gleichzeitig gegen den Strom schwimmt?

A. Müller: Ein Marathonlauf? Definitiv! Viele Musiker. viele Proben, viele Noten, viele Shows, viele Kilometer, viele Hotels, viel Essen und Trinken und viel Spaß... Und "gegen den Strom"? Ja und nein: Klar ist unsere Musik sicherlich nur bedingt massentauglich und wir haben auch mehr Jazz im Programm, als man eigentlich spielen darf, um "Popstar" zu werden. Aber auf der anderen Seite kommen immer wieder viele Fans zu uns, die genau diese Mischung toll finden. Die Mixtur aus Musik, Text und letztlich auch der Show sorgt sicherlich dafür, dass viele Leute, die eigentlich wenig mit Alternative oder Jazz am Hut haben, uns trotzdem gerne hören - und sehen. Bestes Beispiel: Nach einer Show kam mal eine nette Dame zu uns und fragte, wie man denn unsere Musik speziell einen als "Trauermarsch" arrangierten Song von Brad Mehldau - nennen würde. Wir sagten daraufhin: "Hmm, das ist im weitesten Sinne Jazz ..." Sie antwortete: "Das ist Jazz? Geil!"

Sonic: Ihr spielt "hart und schnell" und "Musik sei eure Droge", sagt ihr selbst. Mit Bier und Brezn erreicht man die nötige Bühnenfitness nicht - wie haltet ihr euch fit für diese Art von ausgiebigen Konzerten?

A. Müller: Ja, "Blassportaktivismus" ist ein extrem hartes Business! Gerade in der heutigen Zeit. Ständig muss man damit rechnen, dass die Kollegen heimlich früher schlafen gehen als man selbst, um so am nächsten Tag einen besseren Ansatz zu haben. Der Druck ist extrem hoch und wir nutzen wirklich jede Gelegenheit, um fit zu bleiben. Gelegentlich halten wir auf Tour an Autobahnraststätten, machen Liegestütze und spielen übermäßige Vierklänge mit Zirkularatmung. (lacht)

Sonic: Jetzt mal im Ernst, wie kamt ihr zu eurer speziellen stilistischen Mixtur?

A. Müller: Das hat sich einerseits aus den vielen verschiedenen Geschmäckern aller Blassportler ergeben, denn da kommt bei zehn Leuten verschiedenster musikalischer Herkünfte so einiges zusammen. Arrangiert wird alles von unserem Posaunisten Felix Fromm und bekommt dadurch den BSG-Sound. Klar war für uns, dass wir nicht nach "Deutsch-BigBand" oder "Pop-Hornsection" klingen wollten. Wir wollten uns auch von vornherein keine stilistischen Grenzen setzen. Die Idee war, Brass-Musik zu spielen, die für uns als Musiker anspruchsvoll ist und auch dem Publikum gefällt. Hoffentlich, zumindest. Auf Zielgruppen, Charts und Radiotauglichkeit haben wir da nicht geachtet. Durch den direkten Kontakt zum Publikum als Marching Band hat sich dann auch unsere Live-Show ergeben. Das heißt, wir haben viel von dem mit auf die Bühne nehmen können, was wir auf der Straße gelernt haben.

Sonic: Wie sind denn die spieltechnischen Anforderungen, die eure Blassportgruppe an den einzelnen Instrumentalisten stellt?

A. Müller: Die Arrangements, die Felix für uns schreibt, sind zu großen Teilen relativ anspruchsvoll. Es gibt in vielen Stücken Bläsershouts oder Tutti-Stellen, die die Bläser technisch und auch hinsichtlich der Phrasierung sehr fordern. Es gibt viele Taktwechsel, man muss als Bläser sehr dynamisch und vielseitig spielen. Denn stilistisch passiert in der BSG ja, wie gesagt, sehr viel  - zwischen Pop, Jazz, Big Band, Bläser-Chorälen, Funk ... Sogar etwas Oberkrainer ist dabei! (lacht) Darüber hinaus gibt es in unseren Stücken viele Solospots, bei denen einzelne Solisten gefordert sind. Hinzu kommt, dass wir ja alles erst mal auswendig lernen müssen, bevor wir damit auf die Bühne gehen. Das betrifft vor allem die Bläser. Für die beiden Drummer Philipp Zdebel und Hering Cerin ist sicherlich die größte Herausforderung, die teilweise komplexen Grooves auf zwei Musiker aufzuteilen und trotzdem zu grooven. Auch für Tobias Christl als Sänger ist es nicht leicht mit sieben lauten Bläsern und zwei Trommlern im Nacken! Deshalb verwendet er auf der Bühne ein In-Ear-Monitoring gleichzeitig zu normalen Monitorboxen.

Sonic: Eine Marching-Band und Retro-Fußball-Trikots ... Erklär mal, was diese beiden Dinge miteinander verbindet. Warum sind Trikots cool?

A. Müller: Da gibt's viele Parallelen: Erstens, auf Tour sind wir zehn Musiker und ein Tontechniker. Wir sind also quasi die "Ersatz-Nationalelf'. Zweitens, ein solches Bühnenoutfit sorgt noch mehr für Mannschaftsfeeling. Einer muss waschen, der andere bügeln und so weiter. Drittens träumen wir außerdem den Traum von einem hoch dotierten Werbevertrag mit Adidas. Okay, mittlerweile fühlt sich ein schwarzer Anzug eher nach Verkleidung an als unser Bühnendress. Wir würden im Anzug mit Fliege definitiv anders spielen und sicherlich auch anders klingen.

Sonic: Tritt der Einzelne durch das gemeinsame Outfit, das beinahe wie eine Uniform wirkt, hinter der Band zurück und ist das die Absicht? Oder darf es doch einen"geheimen Star" geben?

A. Müller: Die BSG ist in erster Linie eine Band mit zehn gleichwertigen Musikern. Insofern passt die Uniform. Jeder bekommt am Abend mal ein Feature in Form verschiedener Solopassagen. Der Zuschauer kann sich dann selbst seinen "geheimen Star" aussuchen.

Sonic: Sind Blasinstrumente, Fußballtrikots und Autos etwas, das bei "großen Jungs" einfach zusammengehört?

A. Müller: Nun",große Jungs" trifft sicherlich auch auf uns zu! (lacht) Aber haben das nicht alle Blasmusiker ohnehin so an sich? Die Frage zielt wohl auch auf das Cover der neuen CD ab ... In gewisser Weise wollten wir damit genau darauf hinaus, denn dieses Klischee von "Blasmusik, Bier, Brezen, Fußball, Autos" ist doch genau das, was Männern - und auch der Blasmusik - seit Ewigkeiten anhaftet. Man höre sich zu diesem Thema den Song "B-Seite" auf der aktuellen CD an...

Sonic: 2006 hattet ihr im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft Aufritte über die FIFA. War das einer eurer Wünsche, der in Erfüllung ging, oder habt ihr euch so nah am Fußballsport gar nicht gesehen?

A. Müller: Eigentlich haben wir heute als Band so gut wie gar nix mit Fußball zu tun. Unser aktuelles Konzertprogramm wäre in einem Stadion genauso fehl am Platz wie eine Fußballmannschaft im Jazzclub. Trotzdem war es 2006, im Rahmen der WM, natürlich super für uns, da wir die Spiele hautnah miterleben durften und viele internationale Fußballfans mit deutschem Blassport infizieren konnten.

Sonic: Welches Publikum sprecht ihr an oder besser gesagt, welches Publikum wünscht ihr euch?

A. Müller: Toll ist es, wenn das Publikum offen ist, aus sich herausgeht und mit uns kommuniziert. Dann haben wir auf der Bühne am meisten Spaß. Ob das nun Blasmusiker, intellektuelle Jazz-Genießer, Mainstream orientierte"Musikkonsumenten", Theatergänger oder Rockfans sind - wir freuen uns über alle, die Lust auf Blassport haben. Wir haben generell einen relativ breiten Altersdurchschnitt im Publikum. Da geht es von Jugendlichen über Studenten bis hin zum Rentner. Das hängt häufig von der Location oder vom Festival ab. So kommt es auch, dass wir in Jazzclubs oder auf Jazzfestivals spielen, dass uns Blasmusikvereine für ihr Sommerfest buchen oder dass wir auf Theaterbühnen und Pop-Openairs auftreten. Toll ist natürlich auch, wenn man von einem Fan hört: "Ich hasse Blasmusik eigentlich. Aber bei euch macht es irgendwie Spaß!" ...

Sonic: Kommen zu euren Konzerten auch die typischen "Wiesn"-Begeisterten?

A. Müller: Bisher sind wir ohne das Wiesn-Publikum ausgekommen und das wird wohl auch so bleiben!

Sonic: Du hast Jazz- und Popularmusik in Mannheim studiert. Im Land der Jazzpuristen, wie rechtfertigt man das Konzept und die Stilistik der Band vor seinen Kollegen und den Kritikern?

A. Müller: Alle von uns haben Jazz studiert - in Mannheim respektive Köln, Essen, New York, Würzburg oder Freiburg. Das heißt, eigentlich wären wir die typischen Scheuklappen-Jazz-Puristen schlechthin! Zu Beginn fanden es vielleicht manche Kollegen höchstens lustig, dass  wir uns grün-gelbe Trikots anziehen und extrovertiert "rumhupen". Sobald aber die Musik mit ins Spiel kommt, muss man da gar nicht so viel erklären. Immer wieder geben uns Kollegen positives Feedback, was uns natürlich sehr freut. Mittlerweile ist "Jazzpurismus" ja auch in die Jahre gekommen, denn selbst der puristischste Jazzmusiker begeht ja auch mal persönlichen Stilbruch, indem er Popshows, Galas oder gar Hochzeitsmucken spielt  ... (lacht) Letztlich geht es doch nur um gute oder schlechte Musik. Bei Kritikern ist das anders. Wir freuen uns immer, wenn man mal eine fundierte Kritik liest, egal ob Lobhudelei oder Verriss, die uns in unseren Augen gerecht wird. Häufig schreiben Kritiker nur unseren Pressetext ab, ohne sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Erklären" hilft da eher nicht. Und ist ja auch nicht die Aufgabe des Künstlers! Wir machen unsere Musik und die Kritiker sollen sie erklären, beschreiben, bewerten - wie auch immer. Umso schöner ist es, wenn mal wirklich jemand auf die Vielfalt der Musik eingeht, detailliert die Arrangements beleuchtet oder, wie du, im Interview gute Fragen stellt ...

Carina Prange sprach für Sonic mit Axel Müller von der „Blassportgruppe“ ... und hat sich auch während des Interviews nicht gelangweilt.
Ausgabe 1.2011 Januar/Februar